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Bozen zu faschistischer Zeit

Wer ganz umweltbewusst nach Bozen in Südtirol mit der Bahn anreist, wird als erstes mit der faschistischen Vergangenheit der Stadt konfrontiert. Bahnhof und Bahnhofsplatz sind eindeutig der Duce-Ära zuzuordnen, der Stil ist selbst in Details zu erkennen. Während jedoch das Bahnhofsareal weitegehend problemfrei von allen Bevölkerungsgruppen (den Italienern, Deutschen und Ladinern) akzeptiert wird, bereitet der Siegesplatz weitaus größere politische Probleme.

Nach dem Waffenstillstand von 1918 verließen die Truppen der K & K Monarchie die Stadt und überließen Bozen kampflos den umgehend einrückenden italienischen Truppen. Die Auswirkungen des Herrschaftswechsels bekamen die Südtiroler erst mit dem Machtantritt des Duce zu spüren, der Bozen zum Modellfall für die Italienisierung auserkoren hatte. Wie in ganz Südtirol wurde sogar die Benutzung der deutschen Sprache, selbst im privaten Kreis, unter Strafe verboten. Alle Örtlichkeiten mit deutscher Bezeichnung wurden italienisiert. Mit finanziellen Anreizen, zum Teil mit offenen Druck, wurde Industrie im Bozener Kessel angesiedelt. Den Arbeitsplätzen folgten italienische Arbeitskräfte. Die bis heute nachwirkende Folge: Bozen ist die einzige Stadt in Südtirol mit italienisch sprechender Bevölkerungsmehrheit. Es soll bei dieser Gelegenheit keineswegs verschwiegen werden, dass auch die Ladiner unter dem faschistischen Regime zu leiden hatten.

bolzano-bozen.it: Bozen, Tor zu den Dolomiten
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Unter persönlicher Mitwirkung des Duce wirde in der Nähe der Talferbrücke im Jahre 1923 um den Siegesplatz herum das faschistische Bozen in Stein manifestiert. Das riesige Denkmal, ausgestattet mit allen Insignien faschistischer Architektur, trägt übrigens noch als einziges die Rutenbüschel „Faszes“ (daher auch der Name Faschismus). Wie empfindlich die Bevölkerungsgruppen noch immer auf die jüngste Geschichte reagieren, zeigt das politische Drama um die Umbenennung des Siegensplatzes in Friedensplatz. Zumindest hatten sich dies so der (italienische) Bürgermeister und der (deutsche) Vizebürgermeister im Jahre 2000 so vorgestellt. Eine Volksbefragung, bentragt durch die Neofaschisten, revidierte diese Entscheidung. Auch von Seiten der damals in Rom regierenden Mitte-Rechts-Koalition wurde noch im Jahr 2003 Öl ins feuer gegossen, als der zuständige Minister versprach, das faschistische Denkmal mit Millionenaufwand zu restaurieren, anstatt es in eine Gedenkstätte zu verwandeln. Dies ist kaum nachzuvollziehen, hatte die Duce-Diktatur doch nicht nur der Deutsch- und Ladinisch sprechenden Bevölkerung Bozens und ganz Italiens viel Leid gebracht, sondern über die ganze Bevölkerung Italiens.

Matthias Süß

suess[at]seo.ms

 
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  04.09.2007
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