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Klatsch und Tratsch - Bedeutung eines Phänomens

Das Klatschen und Tratschen ist so alt wie die Menschheit, vielmehr wie die menschliche Sprache. Seit sich der Mensch verständlich ausdrücken kann, wird auch über andere Menschen geredet und gelästert.

klatsch und tratsch
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Begeben sich diese zwischenmenschlichen Unterredungen in die Untiefen der Vermutungen, Gerüchte, privater Neuigkeiten und gehässigen Reden über eine dritte Person, die nicht anwesend ist, dann definiert man dies als Tratsch und Klatsch. Diese Art der Neuigkeiten wird hauptsächlich in den Boulevard-Zeitungen und der sogenannten Yellow Press verbreitet. Die Boulevardzeitung hat ihren Namen aus den frühen Erscheinungsjahren, als die Druckerzeugnisse nur auf der Straße, also auf dem Boulevard, käuflich zu erwerben und nicht im Abonnement erhältlich waren. Die erste dieser Zeitungen erschien 1904, das war die B. Z., die Berliner Zeitung. In Österreich erschien die erste Zeitung dieser Art schon um 1900, das war die Illustrierte Kronen Zeitung. Boulevardzeitungen bestechen durch ihre reißerisch aufgemachten Schlagzeilen, ihnen wird nur eine geringe Seriosität zuerkannt, und es fehlen in den journalistischen Texten häufig Hintergründe und Quellenangaben. Vielmals stützen sich die Artikel auf Hörensagen und Gerüchte, was im Allgemeinen als Klatschen und Tratschen bezeichnet wird. Auch der Ausdruck Yellow Press stützt sich auf diese Hintergründe: wenig recherchiertes, dafür aber viel Sensationsgebaren und Schlagzeilenträchtiges im Vordergrund.

Wenn es um private Klatschgeschichten geht, wird dies immer noch überwiegend den Frauen zugeschrieben, obwohl wissenschaftlich bewiesen ist, dass Männer genauso gut tratschen können und dies auch tun. Das wird vielfach lieber als Informationsaustausch herabgemildert. Der Mensch an sich interessiert sich mehr für schlechte Informationen über die Mitmenschen als für gute. Das hat seinen Ursprung in der Überzeugung, dass das Wissen um schlechte Nachrichten vom Gegner dem Überleben zuträglicher ist als das Wissen um gute Nachrichten.

Tratschgeschichten können denjeigen, über den getratscht wird, sozial verändern, ihn ins Abseits befördern und so den Erzähler der Tratschgeschichten zu einer wichtigen Person erheben.Ein Beispiel: Wenn ein Nachbar des Ehebruchs bezichtigt und dies weiterverbreitet wird, ob wahr oder nicht wahr, und wenn dies genügend Leute aufgreifen und weitererzählen, kann das durchaus zur Scheidung bei dem betreffenden Ehepaar führen. Denn der Gatte hat keine Ahnung, woher das Gerücht kommt und kann es somit auch nicht widerlegen, und die Ehefrau wird der Meinung sein, da es alle sagen, muss etwas Wahres daran sein. Genauso können Leute durch Klatschgeschichten des Diebstahls, der Unzucht mit Minderjährigen oder noch schlimmerer Untaten verdächtigt werden. Derjenige, der eine solche Geschichte in Umlauf bringt, hat eine große Macht über den Beschuldigten und weiß dies auch. Oftmals machen sich Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl dadurch interessant, werden intensiver wahrgenommen und als wichtige Informationsquelle geschätzt. Tratschen dient oftmals auch als Ablassventil gegen einen Höherstehenden, man verarbeitet seinen Ärger und seine Sensationsgier, indem man anderen eine Klatschgeschichte auftischt. Dann bekommt man eine Rückmeldung und wird so bestätigt. Wenn sich dann auch andere aufregen, wird der nicht vorhandene Wahrheitsgehalt zusätzlich hochgeschaukelt und aufgebauscht. Brisante Informationen können auch eine Beichtfunktion haben, der Tratschende gibt sie weiter und entlastet sich so von der Bürde des Wissens.

von Simon Jäger
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